Zwischen Gleisen und Gezeiten - Eine erotische Reisegeschichte in Fortsetzungen 3
Teil 3 – Zustieg in Nürnberg
Der Nürnberger Hauptbahnhof empfing die Gruppe mit heller Beleuchtung, zugiger Bahnsteigluft und dem üblichen Durcheinander aus Lautsprecherdurchsagen, Rollkoffern und Reisenden, die es plötzlich sehr eilig hatten.
Christian sprang als Erster auf den Bahnsteig und reichte Gisela ihre Tasche herunter. Barbara folgte, zog ihren Mantel zurecht und sah sich suchend um.
„Da drüben!“, rief Christian plötzlich.
Zwei junge Leute standen neben einer Säule. Der eine war Sebastian, von allen nur Basti genannt, Christians drei Jahre jüngerer Bruder. Er war drahtig, hatte einen frechen Gesichtsausdruck und grinste bereits, bevor Christian ihn überhaupt erreicht hatte. Neben ihm stand Carina, seine achtzehnjährige Cousine, die mit verschränkten Armen und einem ausgesprochen schelmischen Lächeln das Geschehen beobachtete.
„Na, endlich!“, rief Basti. „Mei, Christian, host dei Zug wieder fast verpasst, oder wos?“
„Halt die Klappe, Basti. Ich bin pünktlich.“
„Ja freili. Und der Club wird nächstes Jahr Deutscher Meister.“
Gisela prustete los. Barbara schüttelte amüsiert den Kopf.
Christian klopfte seinem Bruder gegen die Schulter. „Du bist keinen Tag älter geworden.“
„Und du ned gscheiter“, gab Basti zurück.
Carina trat vor, begrüßte Christian mit einer Umarmung und musterte anschließend Gisela und Barbara mit unverhohlener Neugier.
„Also, ich bin die Carina. Und bevor ihr fragt: Ich hab von euren Eltern einen ganz offiziellen Auftrag.“
Christian zog die Augenbrauen hoch. „Oh nein.“
„Doch, doch.“ Sie hob feierlich den Zeigefinger. „Ich soll auf euch aufpassen. Auf dich, Christian, und auf den Basti. Und zwar ordentlich.“
Basti stöhnte. „Ach, geh weider! Du bist achtzehn und spielst scho meine Aufpasserin?“
„Freili. Einer muss ja aufpassen, dass ihr zwoa ned bloß Blödsinn macht.“
„Des is a Frechheit.“
„Na, dann benimm dich halt.“
Carina grinste so unschuldig, dass niemand ihr auch nur eine Sekunde glaubte.
Barbara stellte sich vor und schüttelte beiden die Hand. „Ich sehe schon, wir haben eine interessante Reisegesellschaft.“
„Interessant?“, sagte Carina. „Wart amol ab, bis wir richtig unterwegs sind.“
In diesem Moment kündigte eine Lautsprecherdurchsage den Zug nach Kassel an. Die Gruppe sammelte ihre Taschen ein und machte sich auf den Weg zum Bahnsteig.
„Kassel also“, meinte Gisela. „Und danach weiter Richtung Norden.“
„Genau“, sagte Christian. „In Gemünden steigt noch Sigi zu. Ein Freund von Barbara.“
„Ein ganz besonderer Freund?“, fragte Carina mit unschuldigem Blick.
Barbara sah sie trocken an. „Ein Freund, Carina.“
„Ja freili. Des hab ich scho verstanden.“
Basti lachte so laut, dass sich ein älterer Herr nach ihnen umdrehte.
Der einfahrende Zug quietschte in den Bahnhof. Die Türen öffneten sich, und die Gruppe stieg ein.
Sie fanden zwei gegenüberliegende Viererabteile. Gepäck wurde verstaut, Jacken wurden ausgezogen, Plätze getauscht und schließlich hatten es sich alle bequen gemacht.
In einem Abteil saßen Christian, Gisela, Basti und Carina. Gegenüber hatten Barbara und zwei weitere Mitreisende Platz genommen; die übrigen Plätze blieben vorerst frei.
„So“, sagte Carina und ließ sich in die Polster sinken. „Jetzt will ich aber die ganze Geschichte hören. Was habt ihr in München eigentlich so getrieben?“
Gisela warf Christian einen kurzen Seitenblick zu.
„Zug gefahren“, antwortete er.
„Ach was! Wirklich? Und sonst?“
„Carina“, warnte Christian.
„Was denn? Ich bin doch bloß neugierig.“
Barbara, die gerade ihre Fahrkarte aus der Tasche zog, lächelte in sich hinein.
Kurz darauf erschien der Schaffner. Er kontrollierte die Fahrkarten der Gruppe, knipste hier und dort ein Loch hinein und reichte die Karten zurück. Als er bei Basti und Carina ankam, setzte er die Lochzange zweimal mit routinierter Präzision an.
Barbara beobachtete die Szene mit halb abwesendem Blick.
„Ran an die Löcher“, murmelte sie gedankenverloren.
Der Schaffner war bereits weitergegangen, doch plötzlich herrschte im Abteil Stille.
Basti sah zu Christian. Christian sah zu Gisela. Carina starrte Barbara mit offenem Mund an.
Barbara bemerkte die Blicke erst einen Augenblick später.
„Was denn?“
„Äh … nichts“, sagte Gisela und presste die Lippen zusammen, um nicht loszulachen.
Barbara blickte auf die gelochten Fahrkarten, dann auf die Gesichter der anderen. Ein langsames Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Ach, kommt schon. Lasst uns doch etwas lockerer sein.“
Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.
„Spätestens in Hamburg bekommen wir sicher was Richtiges zum Rauchen. Und unsere Lust sollten wir auch großzügig ausleben.“
„Barbara!“, rief Gisela, halb empört, halb belustigt.
„Was denn? Christian und du habt ja offenbar schon damit angefangen.“
Nun war es endgültig vorbei mit der Ruhe.
Basti riss die Augen auf. Carina drehte sich mit einem Ruck zu Gisela und Christian. Selbst die beiden Mitreisenden im gegenüberliegenden Abteil schauten neugierig herüber.
„Moment amol“, sagte Basti. „Hab ich irgendwos verpasst?“
Christian rieb sich über das Gesicht. Dann sah er in die Runde und zuckte mit den Schultern.
„Was soll's? Ja, wir hatten Spaß am Ficken.“
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Dann brach Basti in schallendes Gelächter aus.
„Alter, Christian! Des erzählst du einfach so? Vor deiner Cousine und deiner ganzen Reisegruppe?“
„Du hast gefragt.“
„Ich hab überhaupt ned gefragt!“
Carina lachte ebenfalls, schüttelte aber den Kopf. „Ihr Männer seid scho a ganz eigenes Kapitel.“
Gisela war inzwischen hochrot geworden. Sie stieß Christian leicht mit dem Ellenbogen an.
„Du hättest das auch ein bisschen diskreter sagen können.“
„Warum? Es stimmt doch.“
Barbara nickte zustimmend. „Ehrlichkeit ist eine Tugend.“
„Und Taktgefühl?“, fragte Gisela.
„Eine Frage der Gelegenheit.“
Carina beugte sich vor und musterte Christian und Gisela mit gespieltem Ernst.
„Also gut. Dann muss ich meinen Auftrag wohl ernst nehmen. Wenn ich auf euch aufpassen soll, brauch ich offenbar deutlich mehr als bloß gute Nerven.“
„Des schaffst scho“, sagte Basti. „Du bist doch die Chefin.“
„Freili bin ich des.“
Sie nahm ihm seine Fahrkarte aus der Hand, betrachtete das Loch und hielt sie gegen das Licht.
„Schau her, Basti. Wenigstens der Schaffner hat seine Arbeit ordentlich gemacht.“
„Gib mei Karte her!“
Wieder lachten alle.
Der Zug setzte sich in Bewegung und rollte aus Nürnberg hinaus. Die Lichter der Stadt verschwanden langsam hinter ihnen, während die Gespräche im Abteil immer lebhafter wurden.
Und irgendwo zwischen Nürnberg und Gemünden wartete Sigi darauf, in diese inzwischen ziemlich eigenwillige Reisegesellschaft einzusteigen.
Barbara sah aus dem Fenster und lächelte.
„Das wird ein langes Wochenende“, sagte sie.
„Des kannst laut sogn“, meinte Basti.
Carina nickte zufrieden. „Und ich pass auf, dass uns bloß nix passiert.“
Christian warf ihr einen skeptischen Blick zu.
„Genau davor hab ich Angst.“
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