Zwischen Gleisen und Gezeiten - Eine erotische Reisegeschichte in Fortsetzungen 1
Teil 1 – Abfahrt um 22 Uhr
München, Hauptbahnhof. 21:47 Uhr.
Der Bahnhof roch nach Brezeln, kaltem Kaffee und dem metallischen Atem der Züge. Über den Bahnsteigen lag das matte Licht der Leuchtstoffröhren, während sich die letzten Pendler mit müden Gesichtern aneinander vorbeischoben. Dazwischen standen Gruppen junger Leute mit Rucksäcken, Schlafsäcken und überfüllten Reisetaschen.
Christian war einer von ihnen.
Mit neunzehn hatte er bereits die Angewohnheit, Dinge zunächst zu beobachten, bevor er sich entschied, an ihnen teilzunehmen. Er studierte Kybernetik, war schlank und langgliedrig, mit breiten Schultern, die unter seinem dunklen Pullover deutlicher hervortraten, als man ihm auf den ersten Blick zugetraut hätte. Sein dunkelblondes Haar fiel ihm in die Stirn. Wenn er lachte, verschwand die sonst etwas nachdenkliche Miene aus seinem Gesicht.
Neben ihm stand Gisela, achtzehn, Lehramtsstudentin mit den Fächern Deutsch und Biologie. Sie hatte eine rundliche Figur, rosige Wangen und eine Art, beim Reden mit den Händen zu gestikulieren, als müsse sie ihre Gedanken erst in die Luft zeichnen, bevor sie ausgesprochen werden konnten.
„Wenn wir den Zug verpassen, verpassen wir auch den Anschluss in Nürnberg“, sagte sie und sah zum dritten Mal auf die Abfahrtstafel.
„Wir verpassen ihn nicht“, erwiderte Christian.
„Das behauptest du seit zwanzig Minuten.“
„Und bisher habe ich recht behalten.“
Gisela schnaubte, musste aber lächeln.
Barbara kam fünf Minuten später.
Sie trug einen dunklen Mantel, darunter eine schlichte schwarze Hose und einen hellen Pullover. Ihre braunen Haare hatte sie locker hochgesteckt. Mit ihren dreiundzwanzig Jahren war sie älter als die beiden anderen und studierte Jura im vierten Semester. Sie bewegte sich mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit, die gelegentlich den Eindruck erweckte, sie wisse über jede Situation mehr als die Menschen um sie herum.
„Entschuldigung“, sagte sie. „Die U-Bahn stand ewig.“
„Wir dachten schon, du hättest es dir anders überlegt“, meinte Christian.
Barbara betrachtete ihn kurz.
„Und euch diese Reise allein überlassen? Das wäre unverantwortlich.“
Sie stellte ihre Tasche ab und musterte die beiden. Ihr Blick blieb einen Moment an Christian hängen, bevor er zu Gisela wanderte.
„Habt ihr wenigstens etwas zu essen eingepackt?“
„Natürlich“, sagte Gisela. „Brot, Äpfel und Schokolade.“
„Für eine Nachtfahrt“, ergänzte Christian, „nicht für eine Polarexpedition.“
„Warte ab, bis du Hunger bekommst.“
Barbara lachte leise. Es war ein warmes, überraschend offenes Lachen, das nicht recht zu ihrer sonst kontrollierten Art passen wollte.
Um zehn Uhr sollte der Regionalzug Richtung Nürnberg abfahren. Dort wollten weitere Freunde zusteigen. Gemeinsam wollten sie nach Norden reisen, mit dem Ziel Sylt, wo am Wochenende ein Festival stattfinden sollte. Musik, Dünen, kalte Nordseeluft und drei Tage weit entfernt vom Alltag der Universität.
So jedenfalls lautete der Plan.
Was keiner von ihnen an diesem Abend wusste, war, wie schnell sich die vertraute Ordnung ihrer kleinen Gruppe verschieben konnte.
Um 21:56 Uhr betraten sie den Zug.
Sie fanden ein Abteil mit sechs Plätzen, dessen Polster schon bessere Zeiten gesehen hatten. Gisela setzte sich ans Fenster und legte ihre Tasche auf den Sitz gegenüber. Christian verstaute die Rucksäcke in der Ablage, während Barbara ihren Mantel auszog und sich neben Gisela niederließ.
„Da wären wir“, sagte sie.
Draußen zog ein Mann mit einem Fahrrad vorbei. Ein Pfiff ertönte, Türen schlugen zu, und kurz darauf setzte sich der Zug mit einem Ruck in Bewegung.
München begann hinter den Fenstern zurückzuweichen.
Für eine Weile redeten sie über das Festival, über die Bands, die sie sehen wollten, und darüber, wer in Nürnberg auf sie warten würde. Christian erzählte von einem Kommilitonen, der angeblich einen Schlafplatz organisiert hatte. Gisela bezweifelte, dass dieser Schlafplatz tatsächlich existierte. Barbara hörte zu, stellte gelegentlich eine präzise Frage und sah dabei immer wieder aus dem Fenster.
Erst als die Lichter der Stadt seltener wurden, entstand eine andere Art von Stille.
Der Zug ratterte durch die Dunkelheit. In den Fenstern spiegelten sich ihre Gesichter, überlagert von vereinzelten Lichtern draußen. Gisela hatte die Beine angezogen und blätterte in einer Zeitschrift. Christian saß ihr schräg gegenüber, die Arme locker verschränkt.
Barbara betrachtete ihn.
„Du bist heute ungewöhnlich still.“
„Bin ich das?“
„Du denkst nach.“
„Das mache ich häufiger.“
„Das ist mir aufgefallen.“
Er grinste.
„Ist das ein juristischer Befund?“
„Eine vorläufige Einschätzung. Für ein abschließendes Urteil fehlen mir noch Beweise.“
Gisela blickte von ihrer Zeitschrift auf.
„Ihr zwei klingt, als würdet ihr euch schon seit Jahren kennen.“
„Vielleicht liegt es daran, dass Barbara jeden Menschen innerhalb von fünf Minuten verhört“, sagte Christian.
„Und du weichst jeder Frage aus, die ein bisschen interessant werden könnte.“
„Dann musst du bessere Fragen stellen.“
Barbara hielt seinem Blick stand. Für einen kurzen Augenblick schien sie eine Antwort abzuwägen, die weit über den scherzhaften Ton hinausging.
Dann lächelte sie.
„Gut. Was erwartest du von diesem Wochenende, Christian? Und ich meine nicht das Festival.“
Er wollte spontan antworten, doch die Worte blieben aus.
Die Frage war einfach gewesen. Gerade deshalb traf sie ihn unvorbereitet.
„Keine Ahnung“, sagte er schließlich. „Vielleicht, dass etwas passiert, womit ich nicht gerechnet habe.“
„Das klingt gefährlich.“
„Nur, wenn man unbedingt alles unter Kontrolle behalten will.“
Barbara strich eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr.
„Dann könnte dieses Wochenende tatsächlich interessant werden.“
Gisela hatte aufgehört zu lesen. Sie sah zwischen den beiden hin und her, als hätte sie gerade eine Unterhaltung bemerkt, die auf einer zweiten, unausgesprochenen Ebene stattfand.
„Was genau soll denn passieren?“, fragte sie.
Barbara wandte sich ihr zu.
„Das werden wir sehen.“
Kurz nach halb elf hielt der Zug an einem kleinen Bahnhof. Zwei Reisende stiegen aus, niemand stieg ein. Als der Zug wieder anfuhr, war das Abteil stiller als zuvor.
Gisela packte ihre Zeitschrift weg und holte die Schokolade hervor. Christian nahm ein Stück, Barbara lehnte dankend ab.
„Du bist wirklich immer so vernünftig?“, fragte Gisela.
„Nicht immer.“
„Wann denn nicht?“
Barbara sah sie an, und diesmal lag in ihrem Lächeln etwas Herausforderndes.
„Wenn ich einen guten Grund habe, es nicht zu sein.“
Gisela wurde ein wenig rot. Nicht, weil die Antwort eindeutig gewesen wäre, sondern weil sie Raum für zu viele Möglichkeiten ließ.
Christian bemerkte es. Er bemerkte auch, dass Barbara ihren Blick nicht sofort abwandte.
Draußen war die Landschaft inzwischen vollkommen dunkel. Im Abteil summte die Heizung, und der Rhythmus der Räder schien jede Gesprächspause länger werden zu lassen.
„Wir sollten vielleicht schlafen“, sagte Gisela schließlich. „Sonst sehen wir morgen in Nürnberg aus wie drei wandelnde Leichen.“
„Du kannst schlafen“, sagte Barbara. „Ich bin noch nicht müde.“
Christian stand auf, um seine Tasche aus der Ablage zu holen. Als er sich wieder setzte, war zwischen ihm und Barbara kaum noch Platz. Ihre Schultern berührten sich leicht.
Keiner von beiden rückte sofort zur Seite.
Es war eine belanglose Berührung. Ein Zufall, wie er in einem fahrenden Zug jederzeit passieren konnte.
Und doch war es Christian, als hätte sich die Temperatur im kleinen Abteil verändert.
Barbara wandte den Kopf zu ihm.
„Du wolltest doch, dass etwas passiert, womit du nicht gerechnet hast.“
Er sah sie an.
„Ja.“
„Dann solltest du vielleicht aufmerksamer sein.“
Sie sagte es leise, beinahe beiläufig. Anschließend nahm sie ihre Tasche, zog ein Buch heraus und begann zu lesen, als hätte sie gerade nichts Besonderes gesagt.
Christian lehnte sich zurück. Zum ersten Mal an diesem Abend hatte er das Gefühl, dass die Reise tatsächlich begonnen hatte.
Gisela schloss die Augen, doch ihr Mund verriet ein kaum sichtbares Lächeln.
Der Zug fuhr weiter nach Norden.
In Nürnberg würden ihre Freunde zusteigen. Von dort aus lag noch eine lange Strecke vor ihnen, und Sylt war weit entfernt.
Aber zwischen den dreien hatte sich bereits etwas verändert: keine Vereinbarung, kein Versprechen, nicht einmal eine klare Absicht.
Nur eine Frage, die im Raum geblieben war.
Und die Gewissheit, dass keiner von ihnen sie so schnell vergessen würde.
Fortsetzung folgt.
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