Oktoberfest
Den ganzen Tag hatte Martins Blick einen Ort.
Nicht das Zelt. Nicht die Bühne. Den Ausschnitt.
Sabines Dirndl war nicht das tiefste auf der Wiesn. Es war nur ihres. Weißes Hemd über dem Mieder, der Stoff vom Stehen und vom Zelt schon leicht feucht, jedes Heben des Krugs eine kleine Verschiebung. Darunter das Gewicht ihrer Brüste, das das Mieder nicht versteckte, nur hob. Martins Maß blieb voller, als sie hätte sein sollen. Sabine sah es und sagte nichts. Vierundzwanzig Jahre. Man weiß, wann ein Mann nicht mehr das Bier ansieht.
Um sie herum dasselbe in Varianten. Junge Ausschnitte, hohe, solche, in die das Licht der Lampions fiel. Martin sah sie. Sabine merkte das ohne Eifersucht und merkte auch das Zurückkommen: immer an dieselbe Stelle, wo ihr Hemd am Dekolleté klebte.
Unter dem Tisch lag seine Hand auf ihrem Knie.
Der Dirndlrock lag schwer über den Schenkeln, Falten, die Schürze darüber. Martins Finger fanden den Stoff, dann den Saum darunter, dann das Strumpfband. Nicht höher. Sabine ließ das Knie einen Spalt und schnitt weiter ihr Hendl, als gehöre die Hand zum Tisch.
„Noch nicht“, sagte sie gegen den Lärm und lächelte den Nachbarn an.
Die Blasmusik schob sich zwischen die Rippen. Beim Aufstehen, eine Stunde später, streifte Martins Hüfte ihre. Die Lederhose hielt wenig verborgen, wenn man wusste, wohin man zu sehen hatte. Sabine sah hin, kurz, und ging voraus.
Zwischen Zeltwand und Getränkekisten war ein schmaler Schatten. Sie drückte ihn dort hinein, nicht für ein Publikum. Der Mund an seinem Ohr, ihre Hand flach auf dem Mieder, genau auf dem Gewicht.
„Du schaust den ganzen Tag in fremde Ausschnitte.“
„Ich schaue in deinen.“
„Beides.“ Sie ließ seine Hand einen Herzschlag dort. „Im Taxi. Nicht hier. Hier hört uns die Blechpartie.“
Er nickte. Der Nacken rot.
Sie blieben noch. Das gehörte dazu. Noch ein Stück, das niemand zu Ende hörte. Noch eine halbe Maß, die Sabine stehen ließ. Beim Rausgehen war die Wiesn ein Gelände aus Bechern, Staub und kalter Luft nach der Hitze im Zelt. Die Schürze hatte sich verschoben. Sabine zog sie nicht zurecht.
Am Taxistand Stau aus Tracht und erhobenen Armen. Ihr Wagen war ein heller Kombi, die Rückbank breit genug für zwei, die nicht mehr achtzehn waren. Der Fahrer Mitte vierzig, müde Wiesn-Schicht, eine Flasche Wasser in der Tür. Blick in den Spiegel aus Gewohnheit.
Sabine nannte das Hotel in Haidhausen. Zwanzig Minuten, wenn der Ring mitspielte. Die Türen fielen zu. Gurte klickten. Der Geruch nach Bier, Schweiß, Leder.
Rückbank. Das Dirndl nahm die Mitte ein. Martin links, sie rechts, die Knie wieder beieinander. München schob sich an den Scheiben vorbei: Bäume, Laternen, jemand, der barfuß die Schuhe in der Hand trug.
Der Fahrer stellte das Radio leiser. Nicht aus.
Martins Hand kehrte unter die Schürze. Über dem Knie. Halt. Unter den Saum. Halt. Die Haut über dem Strumpfband war feucht vom Zelt, nicht von der Nacht. Sabine sah in den Spiegel. Der Fahrer sah die Straße. Dann, an einer roten Ampel, nicht nur die Straße.
Sie öffnete das Knie.
Kein Theater. Ein Zentimeter, dann zwei, so weit, wie der Rock und die Sitzposition es zuließen. Martins Finger fanden den Schlüpfer. Knapp, dunkel, eine Entscheidung von morgens, in der Mitte schon dunkler. Er strich darüber, außen, den Stoff in die Nässe. Sabine biss sich innen in die Wange.
Vorne wechselte der Blinker. Der Wagen holte nach links. Martins Hand rutschte mit der Kurve unfreiwillig tiefer. Sabine packte sein Handgelenk und ließ es dort.
„Weiter. Aber bleib außen, solange wir fahren.“
Er blieb außen. Der Mittelfinger entlang der Spalte, der Schlüpfer nur um eine Kante zur Seite. Der Kitzler durch den nassen Stoff. Jeder Bordstein war zu viel. Sabine atmete durch die Nase, gleichmäßig, ein Trick aus anderen Nächten.
An der nächsten Ampel nahm sie seine andere Hand und legte sie auf das Mieder. Die Fingerkuppen an der Grenze von Hemd und Haut. Das Mieder saß fest; es gab die Brust nicht frei, nur den oberen Bogen. Martin hakte nichts auf. Er schob das Hemd um einen halben Zentimeter. Die dunkle Kante der Warze trat unter das Weiß.
Der Fahrer räusperte sich. Einmal. Die Ampel sprang auf Grün.
Sabine öffnete Martin die Lederhose.
Zwei Knöpfe vorn, das kannte sie. Der dritte hakte, weil er hart war und die Hose keinen Raum ließ. Sie half mit beiden Händen, kurz nach vorn gebeugt, der Ausschnitt damit tiefer im Spiegel. Der Schwanz lag schwer, die Eichel feucht, den ganzen Abend gegen das Leder. Sie zog ihn nur so weit heraus, wie die Hose es zuließ – den Schaft, der Ansatz blieb im Bund – und legte die Schürze darüber, eine lächerliche Decke.
Sie hielt ihn. Nicht mehr. Der Wagen beschleunigte.
Wichsen im Takt der Kurven wäre unklug gewesen. Sie strich langsam, sichtbar, wenn der Spiegel das wollte, zurückhaltender in den Geraden, wenn der Fahrer überholen musste. Martins Finger nutzten eine ruhige Strecke: Schlüpfer jetzt wirklich zur Seite, zwei Fingerkuppen außen, dann ein Finger, nur das erste Glied, weil die Sitzposition die Hüfte nicht hob. Sabine ließ den Kopf an die Lehne fallen und lachte einen Laut, den man für Alkohol halten durfte.
„Tiefer geht hier nicht“, flüsterte sie. „Nicht, ohne dass ich mich umsetze. Und das tue ich nicht.“
Er verstand. Der eine Finger arbeitete krumm, so gut es ging, der Daumen auf dem Kitzler. Das reichte. Es hatte den ganzen Tag gereicht, bevor überhaupt eine Hand unter den Rock gegangen war.
Ein kurzer Unterführungsabschnitt. Anderes Licht. Sabine drückte sein Handgelenk und ihre Hüfte so weit nach, wie der Gurt erlaubte. Der nasse Laut war klein und in der Kabine riesig. Der Fahrer machte das Radio einen Tick lauter. Es half nicht.
Danach eine Haltelinie. Draußen ein Paar in Tracht, lachend, zu nah am Heck. Innen Martins Mund an der freigeschobenen Warze, heiß, kurz, weil er sich nicht weit genug beugen konnte, ohne den Gurt zu spannen. Sabine hielt seinen Hinterkopf eine Sekunde und ließ ihn wieder hoch. Der Fahrer sah in den Spiegel und diesmal nicht weg, bis jemand hinter ihm hupte.
„Das Hotel kommt“, sagte er. Heiser. Die erste Wortmeldung seit der Adresse.
Sabine zog den Finger aus sich, nicht an den Mund – das wäre für den Spiegel gewesen, nicht für sie – und wischte ihn an der Innenseite des Rocks ab. Sie knöpfte Martin die Hose nicht zu. Sie zog das Hemd hoch, ungenau. Das Mieder blieb, wo es war. Die Schürze schief. Als der Wagen vor der Tür hielt, lag der Schwanz noch in ihrer Hand, unter dem Stoff, ein letztes Mal fest.
Das Geld hatte sie bereitgelegt, bevor sie eingestiegen waren. Sie reichte die Scheine über die Lehne, die Finger trocken genug. Kein Satz. Martin stieg zuerst aus, den Janker vor dem offenen Bund. Sabine folgte, den Rock glatt gestrichen und trotzdem eindeutig, wenn man ihren Gang sah.
An der Hoteltür, bevor sie hochgingen, küsste sie ihn.
„Oben die Haken. Alle. Er hat gesehen, was ein Dirndl zulässt. Den Rest sieht er nicht.“
Der Kombi stand noch. Der Motor lief. Dann fiel die Haustür ins Schloss.
Der Fahrer blieb stehen, bis das Licht im Treppenhaus eine Etage höher wanderte.
Erst dann setzte er den Blinker und zog um die Ecke, nicht zurück zur Wiesn. Eine Seitenstraße hinter den Blöcken, dunkel genug, ein Container, wenig Fußweg. Den Motor ließ er laufen. Die Heizung auf niedrig. Das Radio aus.
Im Spiegel war niemand mehr.
Auf der Rückbank lag die Delle ihrer Körper. Ein feuchter Abdruck auf dem Bezug, nicht groß, eindeutig, wenn man diese Schicht hinter sich hatte. Der Fahrer stieg nicht um. Er blieb vorn, öffnete die Hose, den Blick noch einmal nach vorn, nach hinten, zur Tür.
Er wichste schnell, ohne Geschichte, nur mit dem, was der Spiegel hergegeben hatte: der halbe Zentimeter Warze unter dem weißen Hemd, die Schürze, die nichts deckte, die Hand der Frau an einem Schwanz, der nicht seiner war, der nasse Laut nach der Unterführung. Er kam in ein Tuch aus dem Seitenfach, kurz, die Schultern hoch, die Zähne zusammen.
Danach das Fenster einen Spalt. Kälte. Das Tuch in eine Tüte. Die Hose zu.
Auf dem Beifahrersitz lag das Geld. Er schob es in die Kasse, stellte das Radio wieder an und fuhr zurück auf die Strecke, wo die nächste Tracht schon den Arm hob.
Die Rückbank ließ er, wie sie war, bis zum Feierabend.